Kultur

    Das Lagerfeuer.

    Warum Organisationen Räume brauchen, in denen erzählt wird — und was passiert, wenn diese Räume verschwinden.

    Das Lagerfeuer.

    Warum Organisationen Räume brauchen, in denen erzählt wird — und was passiert, wenn diese Räume verschwinden.

    Es gibt einen Begriff, den ich in den letzten Jahren immer öfter verwende, weil mir keiner einfällt, der die Sache präziser fasst: das Lagerfeuer.

    Damit meine ich nicht romantische Vorstellungen von Pfadfindern oder Retreats in den Bergen. Ich meine etwas ganz Konkretes: einen Raum in einer Organisation, in dem Menschen sich begegnen, ohne dass es eine Tagesordnung gibt. Wo Geschichten erzählt werden. Wo Erfahrungen geteilt werden. Wo Beziehung entsteht — nicht als Mittel zum Zweck, sondern als eigener Wert.

    Solche Räume sind in den meisten Organisationen verschwunden. Und das ist nicht harmlos.

    Was anthropologisch passiert ist

    Menschen sind Lagerfeuer-Wesen. Über Zehntausende von Jahren waren die wichtigsten Lernprozesse, die Identitätsbildung, die Weitergabe von Wissen an einen sehr ähnlichen Kontext gebunden: kleine Gruppen, die abends saßen, und in der eine erzählte. Der Rest hörte zu.

    Polly Wiessner, eine Anthropologin der University of Utah, hat in einer berühmten Studie über die !Kung der Kalahari-Wüste festgestellt: Tagsüber drehten sich die Gespräche zu 81 Prozent um wirtschaftliche Themen — Jagd, Sammeln, Werkzeuge. Abends am Feuer drehten sich 81 Prozent um etwas anderes: Geschichten. Anekdoten über andere Menschen. Beziehungen. Werte. Wer war dabei, was ist passiert, was bedeutet das.

    Wiessners These ist einfach und tiefgreifend: Das Tagesgespräch löst die Probleme von heute. Das Lagerfeuergespräch baut die Kultur, die uns morgen handlungsfähig macht.

    Was in modernen Organisationen passiert ist

    In den meisten Unternehmen, die ich begleite, gibt es kein Lagerfeuer mehr. Die offiziellen Räume sind alle taskorientiert: Stand-ups, Reviews, Sprints, Steerings, Townhalls.

    Was es früher informell gab — den Plausch beim Kaffee, das gemeinsame Mittagessen, das Bier nach Feierabend, die kurze Plauderei auf dem Flur — ist durch eine Mischung aus drei Faktoren weitgehend verdrängt worden:

    Erstens: Effizienzdenken. Pausen wurden in vielen Kulturen zu „verlorenen Zeiten" umdefiniert. Wer pausiert, arbeitet nicht. Was nicht arbeitet, schafft keinen Wert. So lautete die Logik.

    Zweitens: Hybride Arbeit. Seit Corona arbeitet ein erheblicher Teil der Büroarbeitenden teilweise remote. Das hat Vorteile — und einen unterschätzten Nachteil: Die zufälligen, ungeplanten Begegnungen verschwinden fast vollständig. Was bleibt, sind geplante Calls. Geplante Calls sind keine Lagerfeuer.

    Drittens: Tool-Beschleunigung. Slack, Teams und Co. erzeugen das Gefühl ständiger Verbundenheit, ohne tatsächliche Beziehung zu produzieren. Man weiß, was die anderen tun. Man weiß nicht, wer sie sind.

    Was verloren geht

    Wenn ein Team kein Lagerfeuer mehr hat, verschwindet zuerst etwas Unspektakuläres: die geteilte Erfahrung. Die Mitarbeitenden wissen weniger voneinander. Die Geschichten, die früher implizit Werte transportierten — „weißt du noch, als wir damals…" — verschwinden.

    Das wirkt belanglos. Ist es nicht.

    Eine Organisation ohne geteilte Geschichten verliert ihr immunologisches Gedächtnis. Sie weiß nicht mehr, warum sie etwas tut. Sie weiß nicht mehr, woraus sie ihre Identität schöpft. Sie wird austauschbar — auch in den eigenen Augen ihrer Mitarbeitenden.

    Eine Studie der MIT Sloan School zur Mitarbeiterbindung in Großunternehmen hat einen oft übersehenen Befund: Der stärkste Prädiktor für Verbleib war nicht Gehalt, nicht Karriereperspektive, nicht Führungsqualität allein. Es war die Frage, ob Mitarbeitende das Gefühl hatten, „zu einer Geschichte zu gehören".

    Geschichten entstehen nicht in Quartalsberichten. Sie entstehen am Lagerfeuer.

    Was zentrifugale Kräfte mit Teams machen

    Hier ist die Beobachtung, die mich in den letzten Monaten am meisten beschäftigt: In nahezu jeder Organisation wirken systemische Kräfte, die Menschen voneinander wegtreiben.

    Zeitdruck. Tooling, das einzelne effizienter macht, aber Beziehung erschwert. Hybride Modelle, die Anwesenheit zerklüften. Reorgs, die Beziehungen kappen. KI-Tools, die immer mehr Aufgaben übernehmen, die früher Anlässe für Zusammenarbeit waren.

    Diese Kräfte sind nicht böse. Aber sie sind zentrifugal — sie wirken nach außen, von der Mitte weg. Und sie wirken zuverlässig.

    Wenn ein Team keine zentripetale Gegenbewegung hat — etwas, das die Menschen wieder zur Mitte zieht — verliert es nach einigen Monaten seine Substanz. Nicht spektakulär. Schleichend. Bis irgendwann jemand sagt: „Wir sind kein Team mehr. Wir sind eine Gruppe von Einzelpersonen, die zufällig die gleiche Slack-Workspace teilen."

    Was das praktisch bedeutet

    Ein Lagerfeuer in einer modernen Organisation ist kein wörtliches Feuer. Es ist ein wiederkehrender Raum mit drei Eigenschaften:

    Erstens: keine Tagesordnung. Sobald es einen offiziellen Anlass gibt, sobald „etwas erreicht werden soll", verändert sich die Dynamik. Lagerfeuer brauchen Zwecklosigkeit, um wirken zu können.

    Zweitens: ausreichende Zeit. Echte Geschichten brauchen Zeit. Sie passen nicht in fünfzehn Minuten. Wer Lagerfeuer baut, muss Zeit dafür freihalten — und das gegen den Widerstand der eigenen Effizienzlogik tun.

    Drittens: Erlaubnis zur Unschärfe. Am Lagerfeuer wird nicht effizient kommuniziert. Es wird abgeschweift. Es wird gelacht. Es entsteht etwas, das man hinterher nicht protokollieren kann.

    In meiner Beratungsarbeit sehe ich Führungskräfte, die das anfangs schwer aushalten. Sie wollen Outcome. Sie wollen Ergebnisse pro Stunde. Sie wollen, dass jede Investition messbar ist.

    Aber Lagerfeuer messen sich nicht in Outputs. Sie messen sich in dem, was sie ermöglichen — auf Monate und Jahre hinaus.

    Eine sehr praktische Frage

    Wenn ich Führungsteams begleite, stelle ich oft eine sehr einfache Frage: „Wo trifft sich euer Team eigentlich, ohne dass ‚etwas bearbeitet werden muss'?"

    Wenn die ehrliche Antwort „nirgendwo" ist — und das ist sie häufiger, als man denkt — ist das einer der wichtigeren Hebel für die nächsten Monate. Nicht weil es nett wäre. Sondern weil die zentrifugalen Kräfte zuverlässig sind und nur eine Gegenbewegung sie ausgleichen kann.

    Ein gutes Team erkennt man oft daran, ob es ein Lagerfeuer hat. Einen Ort, an dem es sich tatsächlich begegnet, regelmäßig.

    Das Feuer brennt nicht von allein. Jemand muss es entzünden.

    Auch das ist Führung.

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